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Braucht ein Baby mehr als Muttermilch?

www.eltern-zeit.de am 5. Oktober 2014

Für ihr Kind will wohl jede Mutter nur das Beste. Doch oft erschlagen einen die vielen gut gemeinten Ratschläge von Freunden, Verwandten und Bekannten förmlich und man weiß selbst nicht mehr genau, was das jetzt eigentlich genau heißt: das Beste fürs Kind. Ob Stillen oder doch industriell erzeugtes Milchpulver der richtige Weg ist, ist eine der Kernfragen, wenn es um das Wohl des Nachwuchses geht. Vielleicht ist auch eine Kombination aus beidem, die sogenannte Zwiemilchernährung am sinnvollsten?

Wir möchten etwas Klarheit in das Thema Säuglings- und Babynahrung bringen und Ihnen die aktuell gültigen Empfehlungen von Experten und Wissenschaft aufzeigen.

Reicht Muttermilch oder ist künstliche Nahrung zusätzlich sinnvoll? (© Cherry-Merry/Fotolia)

Reicht Muttermilch oder ist künstliche Nahrung zusätzlich sinnvoll? (© Cherry-Merry/Fotolia)

Brust oder Flasche, was lehrt uns die Geschichte?

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war es gar keine Frage: Säuglinge wurden gestillt. Entweder von der eigenen Mutter, oft auch von einer Amme. Mit dem Aufkommen der Industrialisierung änderte sich dies jedoch schrittweise. Die erste industrielle Flaschenmilch wurde entwickelt und etwa ab den 1920er Jahren zunehmend verfüttert. Stillen war altmodisch und nicht mehr zeitgemäß, so die vorherrschende damalige Ansicht. Außerdem waren in den goldenen 1920ern auch immer mehr Frauen berufstätig. Das Stillen schränkte die Erwerbstätigkeit und insgesamt die Freiheit der Frauen ein.

Erst Mitte der 1970er Jahre gab es eine Trendwende weg von der Flasche, zurück an die Brust. Viele Befürworterinnen des Stillens schlossen sich zu eigenständigen Organisationen zusammen. Im Fokus stand die Aufklärung über den Nutzen des Stillens und die Verbreitung dieses Wissens in der Bevölkerung. Ärzte, Hebammen und Schwangere selbst konnten sich bei diesen Organisationen informieren und Hilfe holen. Noch heute bieten die La Leche Liga (LLL), die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (AFS) oder der Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen (BDL), um nur einige zu nennen, Hilfestellung bei allen Fragen und Schwierigkeiten zum Thema Stillen.

Muttermilch: Die maßgeschneiderte Säuglingsnahrung

Die Experten sind sich heute einig: Stillen ist das Beste fürs Kind! Die Milch der eigenen Mutter ist quasi die maßgeschneiderte und perfekt zusammengesetzte Nahrung. Die Natur hat sich eine geniale Lösung einfallen lassen und passt die in der weiblichen Brust produzierte Milch immer an den jeweiligen Entwicklungsstand des Babys an. Kaum zu glauben, aber tatsächlich ist es so, dass sich die Nährstoffzusammensetzung im Laufe einer Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind verändert.

In den ersten Tagen nach der Geburt produziert die weibliche Brust die sogenannte Vormilch, auch Kolostrum genannt. Diese erinnert auf den ersten Blick wenig an Milch, denn sie ist nicht weiß, sondern gelblich und sehr dickflüssig. Und doch enthält sie die optimale Kombination von Nährstoffen für das Neugeborene und Abwehrstoffe der Mutter zum Schutz des noch schwachen Immunsystems. Wichtiger Grund, der für das Stillen spricht, ist auch die Minimierung des Allergierisikos. Gerade wenn Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Heuschnupfen in der Familie gehäuft vorkommen, verringert das Stillen erwiesenermaßen das Risiko des Kindes, später ebenfalls an einer solchen Allergie zu erkranken.

Im Laufe der nächsten Tage verändert sich die Muttermilch. Etwa am vierten Tag nach der Geburt kommt es bei der Mutter zum Milcheinschuss. Die Brust produziert nun größere Mengen und auch die Qualität der Milch verändert sich. Sie ist nun außerdem nicht mehr gelb, sondern weiß und enthält eine Vielzahl wichtiger Substanzen. Besonders die langkettigen, mehrfach ungesättigten LCP-Fettsäuren sind wichtig für das junge Leben. Diese Fettsäuren finden sich auch als Zusatz in industriell erzeugten Milchnahrungen immer häufiger.

Das Stillen bietet einen weiteren klaren Vorteil: Im Gegensatz zur künstlichen Nahrung, steht Muttermilch immer blitzschnell und wohltemperiert zur Verfügung. Sie ist kostenlos und normalerweise stets in ausreichender Menge vorhanden. Ein einfaches Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage regeln die Produktion. Trinkt das Kind lange und ausdauernd, produziert die Brust mehr Milch. Werden die Stillabstände größer, fährt der Körper die Menge wieder zurück.

Was läuft im Körper ab?

Beim Saugen an der Brust trinkt das Baby zunächst die durstlöschende Vormilch, die sofort zur Verfügung steht. Die Milchdrüsen haben eine kleine Menge dieser Milch immer eingelagert. Der Großteil der benötigten Muttermilch wird aber während des Trinkprozesses gebildet. Dies geschieht mit Hilfe des Milchspendereflexes. Die Saugbewegungen des Kindes stimulieren die zahlreichen Nervenzellen in der Brustwarze und lösen im Gehirn die Ausschüttung zweier Hormone aus. Prolaktin und Oxytozin führen dazu, dass die Milchproduktion angekurbelt wird und fettere sowie nährstoffreichere Hintermilch aus den Milchgängen zum Kind fließt.

Wie stille ich richtig?

Jede Mutter kann ihr Kind stillen. Doch oft gibt es tausend Fragen, wie das nun konkret in der Praxis aussieht. Wichtig beim Stillen ist vor allem eine ruhige Atmosphäre. Sowohl Mutter als auch Kind sollten keinerlei Stress ausgesetzt sein. Gerade zu Beginn einer Stillbeziehung ist es wichtig, ablenkende Reize möglichst gering zu halten und sich genügend Zeit zu nehmen. Am besten stillt es sich in einem bequemen Sessel sitzend, oder auch liegend im Bett oder auf dem heimischen Sofa.

Zunächst muss der Säugling korrekt angelegt werden, damit die Milch richtig fließen kann. Dabei sollte der Mund des Kindes nicht nur die Brustwarze, sondern auch noch einen großen Teil des Warzenvorhofes umschließen. So wird die Milchproduktion am effektivsten angeregt. Veranschaulicht werden Tipps zum richtigen Anlegen und einer korrekten Stillposition in diesem Video:

YOUTUBE: Das korrekte Anlegen beim Stillen (www.youtube.com/watch?v=89G62Ycfhqc)

Wenn das Stillen nicht funktioniert

Nicht immer klappt das Stillen reibungslos. Manche Frau leidet unter Brustentzündungen oder sehr wunden Brustwarzen. Das Stillen wird dann nicht selten zur Qual, da es mit starken Schmerzen verbunden ist. Auch wenn das Kind nicht ausreichend zunimmt, schürt das die Sorge der Mütter, ob die eigene Milch ausreicht. Mit einer Milchpumpe kann die Milchproduktion zwar angeregt werden. Aber nicht immer ist das die Lösung des Problems.

Auch frühzeitig wieder berufstätige Frauen tun sich mit dem Spagat zwischen Arbeit, Abpumpen beziehungsweise Stillen oft schwer und setzen sich selbst unter Druck. Grundsätzlich gilt: Stillen soll sowohl für die Mutter als auch für das Kind angenehm sein. Verdrängen negative Begleiterscheinungen dieses Gefühl, ist es völlig in Ordnung, die Stillbeziehung zu beenden.

Zufüttern, ja oder nein?

Heute wird dazu geraten, sein Kind vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen, bevor mit der Beikost begonnen wird. Ist dies nicht möglich, bietet sich dennoch eine große Zahl guter Alternativen. Künstlich hergestellte Milchnahrung ist besser als ihr Ruf. Strengste Qualitätskontrollen garantieren heute ein absolut und vollumfänglich sicheres Lebensmittel als Ersatz für die Muttermilch. Reicht die eigene Milch der Mutter nicht aus, oder sprechen sonstige Umstände gegen das Vollstillen, wird zusätzlich angerührte Mich gefüttert. Man spricht dann vom Zufüttern.

Wird die Stillbeziehung gänzlich beendet, tritt die Fertignahrung komplett an ihre Stelle. Wichtig ist eines: Reine Kuhmilch sollte in keinem Fall vor dem ersten Geburtstag gegeben werden! Sowohl Muttermilch als auch industriell erzeugte Milchnahrung sind dieser vorzuziehen.

Baby nuckelt an der Flasche (© Zsolt Bota Finna / Fotolia)

Baby nuckelt an der Flasche (© Zsolt Bota Finna / Fotolia)

Anpassungsfähige Milch aus dem Handel

Milchnahrung aus dem Handel passt sich dem Kind in ihrem Nährstoffmix natürlich nicht so perfekt an, wie die Muttermilch. Doch es gibt auch hier unterschiedliche Zusammensetzungen, die sich nach dem Alter des Kindes richten. Von Geburt an gegeben werden darf die sogenannte Pre-Nahrung. Sie ist der Muttermilch am ähnlichsten. Die etwas stärkehaltigere 1er-Milch darf ebenfalls ab dem ersten Lebenstag gefüttert werden. Neben diesen beiden Produkten, gibt es die Folgemilch. 2-er und 3-er Milchnahrungen sind vor allem gehaltvoller und enthalten mehr Eiweiß. Um die noch unreifen Nieren der Säuglinge nicht zu stark zu belasten, werden diese jedoch erst ab einem Alter von sechs beziehungsweise neun Monaten empfohlen. Auch für allergiegefährdete Kinder gibt es eine Lösung auf dem Markt. Milchnahrungen mit dem Zusatz HA, für hypoallergen, enthalten stärker aufgespaltenes Milcheiweiß, das das Allergierisiko senkt.

Fakt ist, dass keine wissenschaftliche Studie den Flaschenkindern einen Nachteil im Bereich des Wachstums bescheinigt. Künstliche Milchnahrung ist zwar nachgeahmt, aber eine wirklich gute Alternative, wenn Gründe gegen das Stillen vorliegen.

Schlechtes Gewissen? Nein, danke!

Jedes Kind ist individuell. Das größte Bedürfnis, das beim Stillen neben der Nahrungsaufnahme befriedigt wird, ist das nach Nähe. Ohne jeden Zweifel kann eine Mutter, die ihrem Kind fertige Milchnahrung füttert, dieses Bedürfnis ebenso gut stillen. Ernährungsphysiologisch sind beide Wege qualitativ hochwertig und absolut sicher. Wichtig ist, dass sich Mutter und Kind wohlfühlen. Nicht zuletzt davon ist die Frage nach der besten Nahrung für das eigene Kind abhängig.

Statistiken zum Thema Milchnahrung für Säuglinge

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